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Bauernbund ortet totales Marktversagen und fordert neue Agrarmarkt-Control

„Dumpingpreise schaden den Bauern, den Tieren, der Umwelt und den Konsumenten“


(c) Bauernbund

„Momentan beobachten wir ein völliges Marktversagen. In der gesamten EU kommen die Erzeugerpreise für bäuerlich erzeugte Nahrungsmittel immer weiter unter Druck. Mit durchschnittlich 30 Cent Bauernmilchgeld produzieren die österreichischen Milchbauern derzeit auf Verlust. Beim Schweinefleisch ist der Bauernpreis mit 1,30 Cent je Kilo auf einem Sieben-Jahres-Tief. Bei derart ruinösen Preisen ist die Zukunft vieler österreichischer Bauern wirklich in Gefahr. Kein Wirtschaftszweig könnte das durchhalten“, kommentiert Bauernbund-Präsident Jakob Auer die aktuelle Marktsituation der Landwirtschaft.

Ausgelöst sei diese Marktkrise einerseits durch die Wirtschaftsboykotte für europäische Waren, die Russland als Antwort auf die EU-Sanktionen ausgesprochen hatte. Große Mengen an Nahrungsmitteln konnten nicht mehr exportiert werden und stauen sich in EU-Lagerhäusern. Andererseits wirkt sich der ruinöse Preiskampf der Handelsketten um höhere Umsätze durch Billigpreise direkt auf die Marktstellung der Bauern und Verarbeiter aus. „Die Marktkrise wird ausgenutzt“, kritisiert der Bauernbund-Präsident. „Kombiniert mit Schleuderpreisen für Lebensmittel, Agrarindustrie und deutschen Großfleischereien und deren Lohndumping setzen die österreichischen Bauern zusätzlich unter Druck.“

 

Billige Industriemilch gefährdet österreichische gentechnikfreie Milch


Industriekonzerne wie die deutsche Müller Milch bringen die österreichischen Milchbauern durch ihre dominante Marktstellung und Kostendruck zusätzlich in Bedrängnis. „Bei 25 Cent, die Konzerne wie Müller Milch für die angelieferte Gentech-Milch bezahlen, sind auf Österreich umgelegt weder gentechnikfreie Fütterung noch den Dörfern angepasste kleinere Bauernhöfe, Regionalität oder Natur und Landschaft miteingerechnet. Bei den laufenden Preisverhandlungen werden unsere Molkereien aber mit den deutschen Konditionen überrollt“, erklärt Auer.

„Wenn die Preise so massiv verfallen und die ordentliche Preisbildung ausgesetzt ist, muss die Politik handeln“, stellt Auer fest. Auch von EU-Agrarkommissar Phil Hogan, der heute, Mittwoch, seinerseits zur Lage auf den EU-Agrarmärkten Stellung nehmen wird, erwartet sich Auer Lösungen für die Bauern.

 

Preisverfall nicht länger hinnehmen – Neue Agrarmarkt-Control soll Preisbildung überwachen


„Auch auf nationaler Ebene werden wir als Bauernbund diesem Preisverfall nicht mehr länger stoisch hinnehmen. Wir steuern dem Marktversagen mit einem neuen Regulierungsinstrument, einer Agrarmarkt-Control, entgegen, um den Markt neu zu ordnen“, so Auer.

„Es ist unsere Aufgabe, Fehlentwicklungen am Markt zu thematisieren – die vor allem auch durch Dumpingpreise und Handels-Oligopole befördert werden. Aus bäuerlicher Sicht funktioniert der Markt nicht. Die Bauern und Lieferanten sind nicht mehr Verhandlungspartner, wenn es um die Preisbildung geht“, ergänzt Bauernbund-Direktor Johannes Abentung.

Kartellrechtsexperte Meinhard Novak zufolge ist die neue Behörde als Sektorkontrolle für bäuerlich bzw. landwirtschaftlich erzeugte Nahrungsmittel notwendig, um die landwirtschaftliche Infrastruktur zu schützen. „Die Landwirtschaft ist im Gesamtgefüge genauso wichtig wie ein funktionierendes Straßen-, Bahn- oder Stromnetz. Auch dort liegt der politische Fokus darauf, diese Infrastruktur zu erhalten und nicht einem ruinösen Preiskampf auszuliefern“, führt Novak aus. Wert und Funktion der Landwirtschaft seien schließlich mit den Schienen und Netzen der Infrastruktur vergleichbar. „Ähnlich der e-control für den Strommarkt, wird die neue Agrarmarkt-Control einerseits Transparenz in den Markt bringen und dadurch Fehlfunktionen aufzeigen. Andererseits den Einstandspreis kontrollieren, um dem kontinuierlichen Preisverfall, etwa durch Klagsmöglichkeit nach dem Kartellrecht, entgegenzuwirken“, erklärt Novak.

 

Eigene Kalkulationen und Preisempfehlungen für mehr Transparenz bei der Qualität


„Durch das neue Kontrollorgan erwarte ich mir regelmäßige Marktberichte, Preisbeobachtung und unverbindliche Preisempfehlungen“, fügt Auer hinzu. „Wenn die Kalkulationen der Handelsketten keine ordentlichen Erzeugerpreise hervorbringen, müssen wir eigene Kalkulationen anstellen, neu rechnen, ein anderes Kosten- und Qualitätsbewusstsein schaffen und auch mit Preisempfehlungen gegensteuern.“

Das neue Kontrollinstrument sei notwendig, „um Transparenz in die Preisbildung zu bringen und vor allem auch unsere Qualitätskosten einzupreisen“, hält Auer fest. Im Moment werde in Österreich ausschließlich gentechnikfreie Qualitätsmilch verarbeitet. „In Österreich nachhaltig erzeugte Naturnahrungsmittel müssen aber am Markt, der diese Extra-Qualität gar nicht in den Preis einkalkuliert, direkt mit deutscher Industrie-Milch und dänischem Industrie-Fleisch konkurrieren. Das widerspricht den gesellschaftlich gewollten Qualitätsprinzipien. Dumpingpreise schaden Bauern, Tieren, der Umwelt UND den Konsumenten“, ist Auer überzeugt, dass nicht nur an einem Kosten-, sondern auch einem Qualitätsbewusstsein gearbeitet werden muss. „Denn sonst verschwinden die österreichischen Nahrungsmittel, unsere Bauernhöfe und 530.000 Jobs, die an der Landwirtschaft hängen. Für die Konsumenten bringt das am Ende schlechtere Industriequalität und höhere Preise.“